Vereinigung

 

 

Dem Himmel sei Dank für Speis und Trank.

Der Frau ist's gegeben, dem Manne entronnen,

vor ewigen Zeiten, da hat's begonnen.

Vereinigt Euch in Gottes Werk

und lasst von dem, was Euch beschwert.

 

 

Der Feind in unseren Köpfen

Ach, was soll ich sagen, da war ich doch gerade etwas sprachlos. Mir hatte jemand erzählt, dass es in den hiesigen Apotheken keinen Mundschutz mehr zu kaufen gibt. Alle ausverkauft wegen dem Corona-Virus, und das in Nordfriesland, also fernab einer jeden Metropole.

In Zeiten der Globalisierung und des schnellen Informationsflusses gibt es kaum ein Entrinnen vor dem täglichen Wahnsinn. Im Minutentakt wird er in die Köpfe der Menschen gehämmert und gefühlt werden die Säue immer größer und noch schneller durch das Dorf getrieben. Nicht zu vergessen, dass sie via Whats app dann schnell noch mal ein bisschen aufpoliert werden. Das wurde mir allerdings auch nur so zugetragen. Ich selbst habe gar kein Smartphone.

 

Was waren das noch für Zeiten, als wir noch zufrieden und ahnungslos den Regionalteil der Zeitung ein bisschen durchstöberten, nach kurzer Zeit, diese zufrieden wieder zusammenfalteten, weil die aktuellen Sterbefälle dann doch nicht so bekannt waren, und wir uns wieder den wichtigen und weniger wichtigen Dingen des Lebens widmen konnten.

Mich überkommt da direkt ein bisschen Wehmut nach diesen alten Zeiten. Hatte sich nicht auch schon Sokrates seinerzeit bitterlich über die Jugend beklagt und nichts Gutes prophezeit?

 

In meiner Kindheit und Jugend bin ich ja zu gerne in der örtlichen Bücherei gewesen, um dort stundenlang in den Regalen zu stöbern. Mächtig stolz auf mein eigenes Lesemäppchen mit den farbigen Abrisszetteln. Für jedes Buch ein Zettelchen, das einbehalten wurde. Kein Computer, kein Scanner, keine Sonstwas-Erkennung; einfach nur ein kleines Stück Papier.

Was waren das für herrliche Zeiten, stundenlang durch die Regale streifen, mal hier rein und mal da rein schauen und immer mal wieder etwas entdecken, was gar nicht gesucht wurde. Ein neues, unbekanntes Gebiet erkunden, einen kleinen Ausblick auf die große, weite Welt da draußen erhaschen, und andere Menschen treffen, die gerne ein paar Stunden zwischen Bücherregalen verbrachten. Die Welt hatte es einfach noch nicht so eilig und auf so manches Buch musste sogar wochenlang gewartet werden, weil es erst aus einer anderen Bücherei besorgt werden musste. Was für gemächliche Zeiten das doch waren. Da hätte nicht mal ein
Corona-Virus es geschafft, uns aus der Ruhe zu bringen.

 

Ja, aber was machen wir denn nun? Nun ist der Virus ja schon praktisch in unserer Blutbahn angekommen. Heißt es eigentlich der oder das Virus? Egal – der Feind ist da und bedroht die gesamte Erdenmenschheit.

Da fällt mir ein, dass ich mal etwas sehr Interessantes zur Erreger-Theorie gelesen habe.

Ja - richtig gelesen! Denn neben Urknall-, Chaos- und Evolutions-Theorie, scheint es noch einige weitere, bedenkenswerte, theoretische Erklärungen zu geben, die, man könnte es vorsichtig so formulieren, nicht unumstritten sind. Aber, wie schon kluge Menschen seit alters her wussten, ist ja alles auch immer eine Frage der Perspektive.

Doch zurück zu der Erreger-Theorie. Louis Pasteur, seines Zeichens Stammvater dieser bahnbrechenden, wissenschaftlichen Erkenntnisse, hatte einen Kontrahenten, der seinerzeit ebenso fleißig geforscht hatte, aber zu ganz anderen Ergebnissen gekommen war. Das war Antoine Béchamp, ebenfalls begeisterter Forscher und Wissenschaftler, der aber die Arbeiten von Pasteur recht kritisch betrachtete. Béchamp vertrat die Auffassung, dass nicht der Erreger das Übel war, sondern das Milieu, genauer gesagt, das kranke Milieu, und das Erreger nur in einem kranken Milieu gedeihen konnten, ja, sie sogar in der Lage wären, sich immer wieder zu wandeln, was er auch nachweisen konnte.

Das gefiel gewissen Kreisen der Obrigkeit so gar nicht. Die Forschungen von Béchamp verschwanden kurzerhand in der Schublade und die Welt sollte von so einem Scharlatan auch nicht allzu viel erfahren. Zu ihrem eigenen Schutz, das versteht sich von selbst.

Nebenbei hatte man natürlich auch erkannt, welches große Potential in den Arbeiten von Pasteur lag, und war sich einig, damit konnte ein durchaus lukratives Geschäftsmodell etabliert werden.

Aber auch das ist natürlich nur eine Verschwörungs-Theorie und so bleibt bis zur endgültigen Klärung, eigentlich nur noch das Erdinnere als Zufluchtsort.

Aber, wie sagte schon Volker Pispers so schön: „Ist der Feind bekannt, dann hat der Tag Struktur.“

Der Zorn der Welt

 

Der Zorn der Welt sitzt zu Gericht.

Ihr Wollen ist ein Sollen,

nicht wissend voller Grollen.

Die Stimmen and'rer hören sie nicht.

 

Bereit zu vielen Taten,

im Hinblick oftmals ungeraten.

Zerstoben das Gebilde,

was sich gesenkt, aus höherem Gefilde.

 

Nicht ahnend, wie es weitergeht,

verlieren stets die Gleichen,

beklagend ihre Leichen.

Nicht wissend, wie es um sie steht.

 

Des Herzens Mühe will erklingen,

die Freiheit der Erde zu erringen.

Es kommt der Tag, wo sich ergießt,

der Weisheitskelch, des Himmelsernte,

des Lebens Sinn ersprießt. 

 

Vernetzung

 

Unter dem Schirm meiner Schreibtischlampe hatte sich eine winzig kleine Spinne ein wunderschönes, filigranes Netz gesponnen, und wenn ich an meinem Schreibtisch saß und das Licht einschaltete, so kam ich nicht umhin, dieses zarte Gebilde mit der fleißigen Spinnerin im Zentrum voller Hochachtung zu bewundern.

Ich fragte mich jedoch, ob es nicht bessere Plätze gäbe als diese. Also solche, wo vermutlich etwas mehr Beute zu erwarten wäre. Aber was wusste ich schon vom Leben einer kleinen Spinne. Vielleicht verirrte sich ja doch mal ein kleines Beute-Tierchen in diese zarte Falle und müsste sich dann seinem Schicksal ergeben.

 

Nun trug sich ja dieses Natur-Schauspiel in meiner unmittelbaren Nähe zu und so beobachtete ich voller Interesse, was sich dort tat. Doch außer einigen zarten Staubpartikeln konnte ich nichts wirklich Befriedigendes an Beute im Netz erkennen. Ab und zu verließ die kleine Spinne ihr noch kleineres Zentrum, um einige Reparaturarbeiten vorzunehmen und dann wartete sie wieder geduldig im Mittelpunkt des Produktes ihrer Schaffenskraft.

 

Nach drei Tagen, in einem Moment der Unachtsamkeit, geriet ich an einen ihrer Spannfäden und das schöne Gebilde fiel unrettbar in sich zusammen. Kurzerhand nahm ich die kleine Spinne, deren Leben jetzt buchstäblich am seidenen Faden hing und setzte sie in eine Topfpflanze auf der Fensterbank, überzeugt davon, dass dies ohnehin der bessere Platz für sie wäre.

 

Während ich dies tat, kam mir ein Experiment in den Sinn, von dem ich mal gelesen hatte. Irgendwelche Wissenschaftler (ich weiß wirklich nicht, was diese dazu bewegt hatte) hatten den Einfluss von Drogen auf Spinnen und ihren Netzbau untersucht. Diese wurden unter verschiedene Drogen, ich glaube, es waren Kokain, LSD, Cannabis und Koffein, gesetzt, und man beobachtete ihre anschließenden Netzbauaktivitäten.

Genaueres erinnere ich zwar nicht mehr, aber ich weiß noch, dass die Cannabis-Spinne zwar nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten mit dem Netzbau begonnen hatte, dann aber nach kurzer Zeit die Arbeit komplett wieder eingestellt hatte und auch nicht mehr fortsetzte. Unter Kokain und LSD Einfluss war das Ergebnis eher chaotisch und hektisch ausgefallen und das Ganze wurde ebenfalls nicht zufriedenstellend zu Ende gebracht. Die Spinne jedoch, die das desolateste Ergebnis abgeliefert hatte, war die, die unter dem Einfluss des Koffeins stand. Ihr Netz war als solches gar nicht zu erkennen. Es war völlig chaotisch.

Nicht das dies jetzt irgendwelche Rückschlüsse auf den Menschen zuließe, aber es ist schon verrückt, mit was sich Menschen so befassen.

 

Ich widmete mich dann wieder meiner Arbeit und hatte die kleine Spinne schon bald vergessen. Zwei, drei Tage später, als ich meine Schreibtischlampe am frühen Abend einschaltete, da staunte ich jedoch nicht schlecht. Ein zartes, überaus schönes Netz zierte erneut meine Lampe und mittendrin, als ob nichts gewesen wäre, saß die kleine Spinne.

Nun könnte man natürlich vermuten, es sei eine andere, vielleicht eine Schwesterspinne oder so, die ihren Platz eingenommen hatte, aber ich wusste, sie war es.

 

Ja, und was soll ich sagen, irgendwie stimmte mich dieses, für manch anderen sicherlich recht unbedeutsame Ereignis, richtig froh. Die kleine Spinne hatte, trotz der nicht unerheblichen Distanz und Gefahren, den Weg zu meinem Schreibtischlicht zurückgefunden und sie tat einfach das, was kleine Spinnen nun mal so machen: Sie erschuf ein neues Netzwerk.

 

Und die Moral von der Geschicht:   Kleine Spinnen spinnen nicht.